Two Weeks for Future

Eine zweiwöchige Fahrradreise mit meinem autistischen Sohn Felix

Ihr Job ist es Lösungen für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Ein Job, der Senior Researcher Dr. Jenny Teufel ausfüllt, aber auch frustriert angesichts des Wissens, wie es um die Umwelt steht...

... „Ich kann gar nicht beschreiben, wie mich die Entwicklung von „Fridays for future“ bewegt hat“, sagt sie. Weil ihr Sohn Felix den Betreuungsbedarf eines Kleinkindes hat, fehlt es der Wissenschaftlerin jedoch an der Zeit, regelmässig zu demonstrieren. Trotzdem wollte sie ein Zeichen setzen und ihre Solidarität zeigen. So entstand die Idee, mit ihrem Sohn und dem Halb-Liegerad-Tandem auf „Two Weeks for Future“-Tour zu gehen.

Das Ziel meiner Reise sollte der Weg sein. Und ich wollte ausprobieren, ob eine zweiwöchige Fahrradreise mit meinem autistischen Sohn Felix möglich ist. Vorweg gesagt: Ich liebe es mit Rad und Zelt zu reisen. Dasist keine Herausforderung für mich. Aber mit unserem Sohn haben wir das bislang nicht mehr gewagt, da sein herausforderndes autistisches Verhalten viel Kraft kostet.

AUF DEM WEG ZUR UMSETZUNG GAB ES EIN PAAR HERAUSFORDERUNGEN

Wir brauchen ein Zelt, zwei Schlafsäcke und Isomatten, Regenkleidung und Wechselwäsche für zwei, Trinkflaschen mit Inhalt, Verpflegung, eine Müslischale, zwei bis drei Spielzeuge, Badesachen, Handtücher, Medikamente, Notfall-Set und Windeln. Das ist mehr, als in zwei Ortlieb-Taschen hinein passt. Was ich brauchte, war ein Hänger, der mit unserem „Pino“ (Tandem mit Liegesitz vorne) mitfährt.

Ein kleines Start-up in Bayern rüstet Lasten- und Kinderanhänger mit einem elektrischen Antriebs-Set nach und bietet einen coolen Einrad-Anhänger an. Das tolle an diesem Antriebs-Set: Ein Sensor verhindert, dass der Hänger schiebt oder zieht. Das Gepäck fährt also tatsächlich in der gleichen Geschwindigkeit mit. Ein bisschen Sorge macht mir natürlich die Frage, wie das Fahrverhalten der Kombination von „Pino“ und dem Hänger ist. Laut Testbericht zeichnet sich der angebotene Einrad-Anhänger durch hohe Spurtreue aus. Mit dem E-Motor des bayerischen Start-ups waren meine Gepäck-Probleme gelöst.

ALLEIN SCHON DIE PLANUNG DER STRECKE WAR IRGENDWIE AUFREGEND

Bei der eigentlichen Touren-Planung habe ich gemerkt, dass ich mich mit meinem bewährten Patent-Rezept nicht wohl fühlte: Start- und Zielpunkt wählen, den ersten Abschnitt nach dem Auswahlkriterium „landschaftlich schöne Strecke mit möglichst wenig Verkehr“ grob planen, alles andere dann von Tag zu Tag. Ich habe gemerkt, dass ich wissen muss, wo ich jeden Tag am Abend ankomme und ob wir im Zelt übernachten, bei Bekannten oder zur Not in einer Pension oder Ferienwohnung.

Mit einer Testfahrt vom Schluchsee über den Feldberg nach Freiburg schaute ich, wie viele Kilo- und Höhenmeter wir an einem Tag schaffen, wenn wir Bade-, Vesper- und Eis- und sonstige Pausen einbauen. Auch die Wegequalität haben wir erprobt. Forstabfuhrwege oder breitere, nicht zu steile Waldwege, die auch ein paar wenige Wurzeln oder Steine aufwiesen, waren ohne Probleme befahrbar.

DIE ROUTE

Die eigentliche Tour habe ich dann auf Basis der Testfahrt mit dem Fahrrad-Routenplaner Komoot gemacht. Ein paar Stationen habe ich aufgrund von kostenlosen oder günstigen Übernachtungsmöglichkeiten bei Verwandten, Freund*innen und Bekannten, sowie Jugendherbergen und Zeltplätzen gewählt. Bademöglichkeiten beeinflussten häufig den Streckenverlauf einer Teilstrecke.

Zum Schluss kam eine Variante heraus mit einer Gesamtlänge von 400 Kilometern für 13 Tage mit einem Pausentag an einem idyllischen Zeltplatz am Flüsschen Wied. Die Strecke führte von Freiburg in den Schwarzwald über St. Märgen über die Baar nach Rottweil. Von da ging es wieder den Schwarzwald hoch nach Freudenstadt, das Murgtal hinunter, an Karlsruhe vorbei und in der Rheinebene nach Speyer. Den Rhein vor Speyer haben wir mit einem alten Kulturgut überquert: einer Fähre für Fußgänger*innen und Radler*innen. Von Speyer aus ging es drei Tage durch die Kurpfalz. In Bingen ging es zwei Tage lang am Rhein an der Lorelei vorbei – landschaftlich wunderschön. Aber schon am zweiten Tag habe ich im engen Rheintal die Automassen verflucht, die direkt neben dem Radweg vorbeizogen. Ab Lahnstein führte die Strecke zum Glück wieder abseits von frequentierten Verkehrsstraßen am Rhein entlang. Bis wir nach Koblenz in den Westerwald bogen. Am Zielort in Burglahr wurden wir mit großem „Hallo“ und mit leckeren Käse-Speck-Pfannkuchen, Salat und Apfelsaft empfangen. Wir hatten es tatsächlich geschafft!

Interessanterweise war es für meinen autistischen Sohn kein Problem, jeden Tag auf das Tandem zu steigen und jeden Abend irgendwo anders zu übernachten. Selbst das Zelten in unserem Mini-Zweipersonenzelt war kein Thema. Sonst ist es im Urlaub schwierig, da unser Sohn in fremden Umgebungen nicht durch schläft. Natürlich musste er sich hin und wieder aufregen, wenn er zum Beispiel los wollte, weil wir gefrühstückt hatten, und ich zu lange mit packen beschäftigt war. Wir haben viel gesehen und fast immer eine Bade- oder zumindest Planschstelle gefunden – und wenn es das Kneipp-Bad am Wegesrand im Murgtal war.

KRAFTKEKSE, WILD-PFLAUMEN, GITARRENMUSIK

Einmal bekamen wir von einer sehr netten Rentnerin, die uns vor dem Supermarkt ansprach, Kraftkekse geschenkt, die sie selber gebacken hatte. Ein anderes Mal pflückten uns drei Kinder, die mit ihren Eltern von Düsseldorf nach Baden-Baden radelten, leckere reife Wild-Pflaumen, die an unserem gemeinsamen Rastplatz wuchsen. Mehrmals wurde ich von Eltern mit besonderen Kindern auf unser Tandem angesprochen.

Hilfe fand ich auch in den Jugendherbergen. Hier kam Felix mit der Essenssituation nicht zurecht. Zu viele Jugendliche in ausgelassener Urlaubsstimmung und aufgeregte Kinder, die sich mit ihren Eltern am Buffet drängelten, weil sie sich den Nachtisch oder eine bestimmte Brötchensorte sichern wollten. Hier musste ich nach draußen flüchten, aber nette Menschen versorgten uns mit vollgepackten Tabletts.

Eine wetterbedingte Planänderung – wir übernachteten in einer zu einer Pension umgebauten alten Mühle statt auf dem Zeltplatz – brachte es mit sich, dass wir in einem Restaurant landeten, in dem die Tische stilvoll weiß gedeckt und dekoriert waren. Mein Herz klopfte und ich sah schon eine heruntergerissene Tischdecke vor mir, sowie verärgerte Blicke von Pärchen, die einen schönen kinderfreien Abend bei einem guten Essen genießen wollen. Denn ich ahnte, dass die Wartezeiten auf das Essen länger sein würden, als in einer Pizzeria. Das schmucke pfälzer Dorf, hatte aber keine Pizzeria. Es war Sonntag und wir hatten Hunger. Ich war schon entschlossen umzudrehen und den Rest Müsli mit Wasser anzurühren, in der Hoffnung, dass mein Sohn genug Hunger hat. Da lud mich die Restaurantbesitzerin ein, einen Blick in die Karte zu werfen und es zu versuchen. Ich schob Felix in die hinterste Ecke, sicherte Gläser und Tischdeko und was geschah? Felix genoss die entspannte Atmosphäre mit leiser spanischer Gitarrenmusik. Zur Feier des Tages gönnten wir uns einen leckeren, edel angerichteten Nachtisch.

MANCHMAL BRAUCHT ES EIN WENIG MUT UND SELBSTVERTRAUEN. LEBENSSTIL-ÄNDERUNGEN MÜSSEN NICHT IMMER VERZICHT BEDEUTEN. SIE KÖNNEN AUCH BEREICHERN.

Was ich mir wünsche, ist ein offener Dialog zu diesem Thema – ohne Vorwürfe. Für mich und meinen Sohn waren „Two weeks for future“ eine Bereicherung. Die nächste Tour ist schon in Planung.

Dr. Jenny Teufel ist Senior Researcher im Institutsbereich Produkte & Stoffströme in Freiburg, Deutschland. Ihre Forschungsschwerpunkte sind nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produkte. Ihr Reisebericht ist in längerer Version auf dem Blog des Ökoinstituts erschienen.